Deutsche Straßenmeisterschaften im Radsport

Es ist 7.00, der Wecker meldet sich und ich quäle mich nach einer durchwachsenen Nacht aus dem Bett. Ein kurzer Blick auf die Fototasche und den Rucksack, habe ich an alles gedacht? Ich bin nervös – Rennfieber, wie ich es selbst von diversen Radrennen kenne.
Hat sich die Vorbereitung, die Anreise gelohnt? Und macht es wirklich Sinn, die Spots an der Strecke abzulaufen, die ich mir schon vor Wochen via Streckenbeschreibungen und Google-Maps ausgesucht habe? Schlimmstenfalls wird es an schöner Tag an der frischen Luft, also nichts zu verlieren. Mit diesen Gedanken komme ich aus der Dusche, ziehe mich schnell an und mache mich auf den Weg in den schönen Teil von Bensheim, Richtung Bachgasse, einige Kilometer vom Start entfernt.

Der Start der Frauen ist um 8.00 Uhr und ich möchte vorher etwas das Licht testen und nach dem idealen Standort suchen. Tolles Licht! Ein richtig sonniger Tag und schon auf dem Weg zur Bachgasse fällt mir auf, dass es auch viel Schatten gibt. Das ist spannend, wenn man Zeit hat, aber eher doof, wenn sich das Motiv schnell bewegt und ich nur einen kurzen Moment habe, es so einzufangen, wie ich möchte.

Tja, was will ich? Fotos vom Start und Zielbereich finde ich eher langweilig. Davon gibt es auch reichlich. Am liebsten hätte ich Momente aus dem Renngeschehen, die von der Umgebung/Landschaft untermalt sind. Sowie die Vorbereitungen und das “Abschwitzen” bei den Teams mit Helfern und Mechanikern. Fotos, die <em>Radsport</em> zeigen, das Miteinander und das Gegeneinander, den Kampf und denTeamgeist, das Leiden und die Freude, den Erfolg und das Scheitern, die Kraft und die Eleganz, die Tristesse und die Schönheit. Ein hoher Anspruch, ich weiß…

An der Bachgasse angekommen (da plätschert tatsächlich ein kleiner Bach entlang), erkundige ich mich bei einem Streckenposten, ob der Start pünktlich stattfindet und wir plaudern ein bisschen. Es ist sehr ruhig und man hat den Eindruck, dass das ganze Dorf noch schläft. Außer ein paar Fußgängern mit Hunden sind die schmalen Gassen leer, aus manchen Fenstern hört man spielende Kinder und klapperndes Frühstücksgeschirr.

Es sind noch 10 Minuten bis zum Start, während der ersten Testaufnahmen liest der Helfer die Zeitung und hat einen Becher Kaffee dabei, um den ich ihn beneide. Sehr idyllisch, diese Minuten.

Wenn das Feld hier gleich durchrauscht, würde ich gern 5x die Position wechseln, was selbstverständlich nicht geht. Egal, was Du für Fotos machst, Priorisieren ist ein wichtiger Punkt, sonst hast Du am Ende nicht Halbes und nichts Ganzes… Denke ich, und setze mich auf eine kleine hölzerne Brücke über den Ausläufer des Ziegelbachs.

Schon wieder Rennfieber und nervöse Anspannung bis die Elite-Frauen um die Kurve kommen.
Versuche mich auf einzelne Fahrerinnen zu konzentrieren, alles geht so schnell, drücke den Auslöser, wenn ich denke “das ist Radsport”. Ein paar Klicks, Licht und Schatten im Sucher, ob das was wird? Umdrehen, das Feld von hinten festhalten, wie es zwischen den Häusern verschwindet und schon ist es vorbei. Viel Vorbereitungszeit und 20 Sekunden, um alles “richtig” zu machen. Ich schmunzle in mich hinein, das macht Laune!

Auf dem Weg zurück zur Pension nehme ich einen anderen Weg und verlaufe mich prompt in den schmalen, welligen Gassen. Irgendwie finde ich dann doch den Weg und freue mich aufs Frühstück. Erstmal Kaffee! Es ist eine einfach Pension, nicht besonderes, aber mit Wohlfühlcharakter. Tony Martin war da – so wurde mir beim Einchecken stolz erzählt, “wir hatten einen Weltmeister im Haus”. Beim Frühstück sehe ich auch den einen und anderen Radprofi, bzw. Trainer und genieße wie sie ebenfalls (denke ich jedenfalls) die morgendliche Ruhe. Danach Sachen packen, auschecken, einladen und los zum nächsten Spot.

Der Ortsausgang von Bensheim markiert den Beginn des Anstiegs und mit Fototasche und Verpflegungsrucksack komme ich schon ganz gut ins Schwitzen – die Mühltalstraße hoch.
Es sind viel Radler unterwegs und ich bin ein bisschen traurig, dass ich “nur” zu Fuß unterwegs bin. Auf der anderen Seite komme ich so mit netten Leuten/Streckenposten ins Gespräch, die ebenfalls den Radsport mögen.

Dann wieder Location besichtigen, Einstellungen und Blickfeld testen, nochmal die Wahl der Linse überlegen und zwischendurch ein paar Hobbyradler schiessen. Das hat was. Völlig stressfrei dasitzen, Plaudern, ein bisschen herumlaufen, schauen und fotografieren. Überlegungen anstellen, wie das Feld herankommt, wo die beste Position sein wird. Gibt es Ausreisser, bekomme ich das rechtzeitig mit? Letzteres ist gar kein Problem, da jede Gruppe durch Vorausfahrzeuge angekündigt wird. Manchmal schauen die Pros etwas überrascht, wenn sie mich am Rand liegend sehen. Mit Fotografen wird offensichtlich nur an den Hotspots gerechnet, was ich nicht unbedingt schlecht finde. Das gibt dann wohl eher die natürlichen Radsport-Fotos, die ich gern hätte.

Das geht den ganzen Tag so weiter. Zwischendurch fahre ich dann mit dem Auto zum nächsten Punkt und laufe wieder einige Kilometer zu Fuß. Zum Teil wird das mit dem Gepäck ziemlich anstrengend, jeweils kleine Workouts für mich 😉

 Was mich richtig freut: So viele Radsportfans zu sehen und den bekannten Profis einmal so nahe zu kommen. TV-Bilder sind toll, aber an der Strecke stehen und den Fahrtwind des Pelotons spüren ist doch etwas ganz anderes. Obwohl ich nicht soo der <a href=”http://www.teamsky.com/” target=”_blank”>Team Sky</a>-Fan bin, werde ich die Flasche von <a href=”http://www.christianknees.de/” target=”_blank”>Kneesi</a> in Ehren halten, die punktgenau vor meine Füße kam – eine von vielen schönen Erinnerungen.

Zwischen Balkhausen und Kuralpe hatte ich etwas Glück und konnte, die sich absetzenden Sieger der Meisterschaft im Anstieg einfangen. Da habe ich noch gedacht, dass die 3 das Ding nach Hause fahren könnten, was sie ja auch taten. Habe mich u.a. für Marcus Burghardt sehr gefreut und werde ihn bei der Tour de France vermissen..

In der letzten Runde ging es dann nochmal richtig zur Sache und die Strapazen spiegelten sich in den Gesichtern der Fahrer. Wow! Starke Leistungen, tolles Wetter, eine richtig geile Linse, das macht mir richtig Spaß!

Apropos Linse: Für dieses Wochenende habe ich das Sahnestück Nikon AF-S Nikkor 70-200mm 1:2,8G ED VR II beim Objektivverleih René Sturm gemietet. Ein toller Service zum fairen Preis, den ich uneingeschränkt weiterempfehlen kann. Nach Anfrage kommt die Bestätigung, ob das Objektiv an den jeweiligen Tagen zu haben ist und es folgen per Mail der Mietvertrag usw. Für mich wurde das Objektiv direkt nach Bensheim geschickt und dort auch am Montag durch GPS wieder abgeholt. Die Kommunikation war sehr nett und ich wusste jederzeit, wie der Lieferstatus des Objektives war. Sehr wahrscheinlich war das nicht das letzte mal, dass ich diesen Service in Anspruch genommen habe. Für mich war das so auch eine gute Gelegenheit, das Objektiv ausgiebig zu testen. Want it!

Etwas mehr Ruhe fürs Motiv hatte ich dann im Zielbereich, wobei ich mich dort auch etwas abseits des Rummels, hinter der Ziellinie aufgehalten habe. Die abfallende Anspannung nach dem Zieleinlauf, Freude und Enttäuschung, das Zusammentreffen der Teams ist das, was mich an diesem Tag interessierte. Typisch Radsport eben.

Eine Situationen ließen mich ein wenig zurückschrecken. Nicht weil es schlechte Fotos geworden wären, sondern weil man durch solch eine Linse, den Fahrern plötzlich verdammt nahe kommt. Einige Fotos werde ich öffentlich nie zeigen, die sind einfach privat und ich möchte das respektieren. Dazu gehören z.B. das Zusammentreffen mit der Familie hinter der Ziellinie, die Umarmung mit den Kindern und der Frau, die sicherlich auch froh sind, dass der Vater/der Mann ohne Verletzungen zurück sind. Oder auch der sichtlich enttäuschte Marcel Kittel, der nicht für die Tour nominiert wurde und nach Problemen das Rennen in Bensheim abbrechen musste.

Dafür gab es andere, schöne Momente, wie diese Aufnahme von Nikias Arndt, der hier von einem Teammitglied begleitet wird.

Die Auswahl aus ca. 500 Fotos für diesen Blogbeitrag war schon schwer, aber wenn ich ein Lieblingsfoto von diesem Tag benennen müßte, dann wäre es dieses Portrait von André Greipel nach dem Rennen. Bensheim war sicher nicht der ideale Kurs für ihn, aber als ich ihn so sah, da wusste ich, dass er die Tour de France rocken würde. Geballte Energie, dabei so viel Ruhe ausstrahlend, top-fit der Mann.

Fazit des Tages:
1. Sollte ich öfter machen.
2. Logistisch ist das am Renntag gar nicht so einfach.
2. Festplatte ist voll und ich muss mir was einfallen lassen. Externe Festplatte ist bestellt.
3. Die Linse ist ihren Preis wert. Das ist ähnlich wie mit Bikes 😉
4. Die Fototasche war zu klein, Rucksack macht Sinn.
5. Das nächste mal mit Bike!
6. Pros sind oft sehr distanziert (was ich verstehen kann).

 

ps: Ich war am überlegen, ob ich die Fotos der Hobbyfahrer auch hochlade und zur Verfügung stelle, habe aber davon abgesehen, da ich glaube, dass kaum jemand von denen auf diesen Eintrag stößt. Falls das doch der Fall sein sollte, meldet Euch und ich schaue nach, ob ich Euch in den Fotos finde.

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