[Cycling Passion] Interview mit Gerard Naudy

Am 28.02.19 habe ich mich Gerard in Köln getroffen, um ein paar Fotos zu machen und mit ihm über seine Facebookgruppe zu sprechen. Wir hatten viel Spaß und sind um eine Freundschaft reicher. Am nächsten Tag haben wir bis zur Abreise noch etwas Zeit mit Harry, Mareike und Roland verbracht – es war sehr schön, Euch alle kennenzulernen. Radsport verbindet!

Gerard, Du hast eine erfolgreiche Facebook-Gruppe “Die deutschen Radrennfahrer” mit derzeit rund 1600 Mitgliedern gegründet. Erzählst Du zunächst ein bisschen über Dich selbst?

Hallo, ich bin Gerard Naudy, Franzose, ich bin im Mai 1966 im Süden von Frankreich in der Nähe von Fleurance geboren, wo Didi Thurau 1977 den Prolog der Tour de France gewonnen hat, etwa 70km von Fleurance entfernt bin ich aufgewachsen. Meine Eltern waren Lehrer, ich habe 2 Brüder und seit 5 Jahren wohne ich in Moulins, zentral in Frankreich. Die Seite “Die deutschen Radrennfahrer” betreibe ich seit mehr als 4 Jahren. Bei Rik Sauser möchte ich mich für seine Hilfe bedanken, der mich zu Beginn sehr unterstützt hat! Das hat mir sehr geholfen und mich weiter motiviert.

Ein Jubiläum, 5 Jahre, das musst du feiern!

Das gefällt mir, es zu feiern, denn es ist eine Arbeit, richtig viel Arbeit. Es ist aber auch ein Vergnügen, das viel Freude bereitet. Ich verbringe viele Stunden, um schöne Bilder zu finden (und zu sortieren), das ist richtig Arbeit, eine schöne Arbeit, eine Passion von mir. Ich habe einige Zeit in Deutschland gelebt, meine erste Tochter lebt in Deutschland – ja, ich mag Deutschland, ich liebe es. Ein Teil von mir ist immer in Deutschland.
Zuerst wollte ich eine Gruppe über Didi Thurau machen, aber die gab es schon. So kam es zu der Gruppe über alle deutschen Radrennfahrer, egal, ob sie Meister sind oder nicht.

Wer zählt zu den Mitgliedern der Gruppe?

Die Gruppe ist für alle offen und das gefällt mir so gut daran. Wenn Didi kommentiert und viele die Gruppe besuchen, zum Beispiel auch Fabian Wegmann – das ist eine Ehre für mich und alle Mitglieder der Gruppe, das freut mich und gibt mir die Motivation weiterzumachen. In den letzten Jahren war ich zeitweise schon ein wenig müde und frustriert. Ich habe viel geschrieben und gepostet und es gibt nicht so viele Radrennfahrer und Meister/Profis. Viele User kennen alle, mehr jedenfalls als ich… (doch leider wenig Reaktionen). So habe ich gedacht, die Idee (zur Gruppe) wäre gut und hilfreich. Und dann hat mich doch wieder die Freude daran gepackt, obwohl ich eigentlich keine Lust mehr hatte.

Inzwischen ist die Gruppe ja sehr erfolgreich, hat rund 1600 Mitglieder, es gibt viele Kommentare und positive Rückmeldungen von Mitgliedern, die sich freuen, auch Bilder aus früheren Zeiten zu sehen

Ja, wir haben (inzwischen) einige Radsportler und andere Personen dabei, die mich unterstützen. Aber wir müssen auch nicht übertreiben, die Gruppe umfasst zwar über 1000 Personen, aber es gibt rund 500-600 die aktiv dabei sind, kommentieren und die Seite besuchen. Manchmal frage ich mich, was mit den anderen passiert ist. Sie gehen in eine Gruppe, sind Mitglied und kommen nicht vorbei, sind sehr passiv – ich kann mir das nicht erklären.

Du hast vorhin schon gesagt, dass in deinem Heimatort, in dem du aufgewachsen bist, Didi Thurau gewonnen hat. Hat Dich das geprägt oder wie kommt es, dass ein Franzose eine Gruppe über die deutschen Radrennfahrer betreibt?

*lacht* Ja, das ist bestimmt sehr selten.. (dass ein Franzose eine Gruppe für die deutschen Radsportler macht) Ich mag das Fahhradfahren, ich liebe Didi und ja, ich weiß es nicht genau… Er ist mein Idol. Ich mag nicht diese Radsportler, die immer gut sind. Ich mag die Radsportler mit ihren Höhen und Tiefen, das gefällt mir. Bernard Hinault und Armstrong , das ist nicht interessant, die sind einfach (nur) on-top, alle. Radsport ist Erfolg und Niederlage, ich mag nicht die, die immer Erfolg haben, ich mag lieber die Klugen, die etwas anders sind, die Esprit (und Kampfgeist) haben, das finde ich sehr interessant. Wie Didi und Maertens.

Gerard, du fährst selbst gern Rad, fährst du selbst auch mit dem Rennrad oder bist du früher gefahren?

Jaja, ich habe ganz dicht am Renngeschehen gewohnt und bin selbst Rennen gefahren. In jungen Jahren war das eine ganz tolle Erfahrung! Aber meine Eltern konnten es nicht gut ertragen, mich am Ende des Pelotons und nicht gewinnen zu sehen. Ich war nicht immer in der Führungsgruppe und dann war mein Vater immer sehr hart zu mir. Im Radsport ist es sehr wichtig, die Unterstützung der Eltern zu haben – mehr als in anderen Sportarten – das ist ein richtiges Opfer, das sie erbringen.  

War das die Zeit, in der du selbst aktiv gewesen bist, wo du deine Begeisterung für den Radsport entdeckt hast, oder schon früher?

Mit 6 Jahren langweilte ich mich in meinem Ort und so habe ich das Rad genommen und bin allein durch die Gegend gefahren. So wuchs die Passion, die immer ein wichtiger Teil in meinem Leben geblieben ist.

So ähnlich geht mir auch *lachen* Der Radsport in Frankreich ist nicht nur durch die Tour de France populär und wird von einer breiten Bevölkerung getragen und das ist etwas anders als in Deutschland. Was denkst Du, sind die Unterschiede beim Radsport in Frankreich und Deutschland?

Ich glaube, es gibt da keinen großen Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich. Wir erwarten Gewinner, z.B. bei der Tour de France, da gab es Jan und Bernard Hinault… und jetzt warten beide Länder wieder auf einen Rundfahrtsieger. Wir haben Radsportler in den verschiedenen Kategorien, Bergfahrer, Zeitfahrer. Gute Radsportergebnisse bedeuten Bergfahren – so haben wir in beiden Ländern gute Fahrer… (aber noch keinen Klassementkandidaten).  
Zu der historische Entwicklung in Deutschland kann ich nichts sagen, in Frankreich wissen wir wenig über den deutschen Radsport. Wir kennen ein paar Namen wie Jan, Rudi Altig, Didi, aber mehr nicht. So kennen wir aus Deutschland nur die Idole und die Probleme.

Gibt es einen Unterschied in der Nachwuchsförderung?

Ich weiß nicht wie es in Deutschland ist, aber in Frankreich wird der Radsport nicht besonders gefördert. An erster Stelle steht der Fußball und dann noch Rugby oder Tennis. Der Radsport wird auch etwas gefördert, aber ich denke, dass nicht viele Jugendliche in den Radsport gehen, denn es ist so schwer und sie suchen sich eher leichtere, populäre Sportarten. Als Lehrer sehe ich meine Schüler eher so, dass sie sich wenig anstrengen wollen und um im Radsport zu gewinnen braucht man sehr viel Zeit und viel harte Arbeit.

In Deutschland ist die Radsportfamilie auch eher klein, mit wenig Unterstützung von offizieller Seite und die größte Unterstützung kommt, wie du es auch schon gesagt hast, aus den Familien und von Freunden. Jede Woche Radrennen, viel Reisen usw.

Was denkst Du über den großen Hype in Deutschland 2005-2010 mit Armstrong und Jan Ullrich, die Idealisierung und der Niedergang. Wie wurde/wird in Frankreich damit umgegangen?

Aktuell haben wir in Frankreich keine Meister, alle Radsportler sind sehr gut *lacht* … Pinot und so… wir wissen, dass er keine Tour de France gewinnen wird, aber wir unterstützen sie alle, weil sie französische Fahrer sind.
Ich verstehe nicht, was rund um Jan passiert ist, er wurde z.B. nicht zum Prolog in Düsseldorf eingeladen, das war sehr schlecht. Ich denke auch an Pantani, was nach seinem Tod passierte – es ist mehr traurig als alles andere. Das ist ein Problem, ein soziales Problem, aber nicht nur ein Radsportproblem. Gewinner sein ist top, aber entweder du ein Champion oder du bist nichts. In anderen Sportarten, wie im Fußball, ist es anders. Radsport ist eine Passion mit Individualisten, viel Leiden und starken Kontrasten. Einen Radsportler am Berg kann man nicht mit einem Fußballspieler vergleichen, es ist sehr schwer.
Die meisten Franzosen interessieren sich für die Tour de France, aber mehr nicht… vielleicht noch Paris-Roubaix.

Gibt es in Frankreich mehr oder weniger Radsportler/Radfahrer als in Deutschland?

Ich weiß es nicht, aber ich denke, dass es in Deutschland eine größere Personenzahl in den Vereinen und im Radsport gibt. Als ich nach D gezogen bin, sind mir die vielen Radfahrer aufgefallen, in Frankreich sind es weniger. Es ist hier (in Frankreich) nicht leicht und manchmal gefährlich, weil es viel weniger Radwege und geeignete Straßen gibt.

Gegenüber ist das Radhaus K, stell Dir vor, Du gehst über die Straße und kaufst dir jetzt ein Fahrrad, was wäre das für eins, Rennrad, Crosser, Montainbike…?

*lacht* Ein Rennrad! Etwas anderes ist nicht interessant für mich, das ist mein Sport! Schon immer, auch wenn ich kein Meister, kein guter Radsportler bin.

Carbon, Stahl, Aluminium oder Titan?

Carbon!

Gerard, wen würdest du zuhause gern mit auf eine Radtour nehmen?

Didi Thurau! (wer hätte das gedacht) Ich habe mit vielen Radsportlern und ehemaligen Profis Kontakt, obwohl ich sie noch nie getroffen habe und es wäre eine Ehre für mich, z.B. auch mit Marcel Wüst, Fabian Wegmann, Ines Varenkamp, Olaf Ludwig und natürlich Mareike. Die, die mich immer begleitet und motiviert haben und Grund gewesen sind, (mit der Gruppe) weiterzumachen. Das wäre schon ein größeres Peloton mit den Meistern, etwas für das Innere (das Herz) – ich gebe mir Mühe und bin froh über die Motivation, die sie mir geben. Gerne auch mit Ines Varenkamp und Hanka, Du weißt, ich bin Franzose und brauch eine Frau *lacht*

…und abends auf ein Glas Wein oder Bier?

Wein, ich bin Franzose! *lacht* Gern trinke ich aber auch mal ein Bier. Da würde ich gern meine Frau mitnehmen, die ich noch nicht gefunden habe. Ich bin froh über die Kontakte, die ich habe und die Gruppe. Das ist auch ein Mittel für mich, die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich zu unterstützen. Es ist ein kleines Ding, aber ich denke, wir brauchen Europa mehr als die Union Europa braucht. Wir brauchen kreative Projekte, um Europa für die Menschen und nicht für die Institutionen weiter zu bauen. Mir ist wichtig, Kontakte zwischen Deutschland und Frankreich zu pflegen. Das Problem mit der Gruppe ist, dass es fast nur deutsche Mitglieder gibt *lacht* 3 Personen aus Frankreich sind mit dabei, aber sie besuchen die Seite nicht oft, das macht mich manchmal etwas traurig.

Wenn du mit Didi Thurau eine Tour zusammen machen würdest, worüber würdest du gern mit ihm sprechen?

2 Fragen: Was passierte in San. Christobal mit Moser? Ich stelle mir vor, ich bin mit Didi allein und dann würde ich ihn fragen “Didi, was ist da passiert? Ich kann das nicht verstehen”  Link Video

Und was war da los, als bei der Weltmeisterschaft 1979 Raas den Italiener im Schlussprint zu Boden stieß, nachdem er sich zuvor den Berg hinaufschieben lies. Didi Thurau wurde zweiter und es sah fast so aus, als würde er Raas helfen.

In Deutschland beginnt der Radsport wieder sehr langsam an Popularität zu gewinnen. Ein erstes Zeichen war z.B. der Grand Depart in Düsseldorf und die Deutschlandtour in diesem Jahr. Wie siehst Du das?

Ich kann das für Deutschland nicht richtig einschätzen. Es ist eine neue Zeit, eine neue Epoche mit neuen jungen Fahrern, wie Politt, Rick Zabel, Kittel… Sie fahren sauber – das glauben wir, aber sicher ist es nicht. Es ist eine neue Zeit und eine neue Generation, aber vielleicht gibt es auch nur andere Mittel, die noch unbekannt sind. Doping und Radsport gehören scheinbar für immer zusammen, leider. Schon in den 1960er Jahren haben viele Radsportler wie Roger Rivière….Anquetil Dopingmittel genommen und sind sehr früh verstorben, mit 57, wir sehen, was passiert..

Aber wir mögen den Radsport, immer, das ändert nichts. Heute hoffen wir, dass sie clean sind, aber wir haben im letzten Jahr auch gesehen, dass viel weniger Publikum an der Straße stand, besonders in den Bergen – wahrscheinlich liegt das an den Dopingfällen in der Vergangenheit.

Wenn Du an die junge Generation von Fahrern denkst, hast Du einen oder mehrere Favoriten?

Ja, ich mag Pascal Ackermann sehr gern, er ist sehr nett und kennt die Gruppe und man merkt, dass er selbst Beiträge liest, schreibt und Interesse zeigt. Ich kenne ihn nicht persönlich, aber ist ein sehr guter Sprinter. Marcel Kittel mag ich auch. Ihn habe ich einmal getroffen und er stand neben mir im Ziel bei Paris-Nice, sehr imposant – das ist Marcel Kittel – das war toll für mich!  

Treffen mit Harry Schmitz, Mareike Födisch, Gerard und Roland Greil (v.li.)

Viele kleinere Rennen können in Deutschland nicht mehr stattfinden, weil der Aufwand und Auflagen es so schwer machen. Außerdem fehlt es an Sponsoren, sodass Clubs die Rennen nicht mehr ausrichten können. Gibt es in Frankreich eine ähnliche Entwicklung?

Bin mir nicht sicher.

Gerard, wie fühlst du dich zuhause, wenn du selbst mit dem Rad unterwegs bist? Du hast vorhin gesagt, dass es manchmal unsicher/gefährlich ist…

Nicht sehr sicher. Wir haben viele kleinere Straßen, das ist oft sehr schön, aber die Autos fahren sehr schnell und wenig rücksichtsvoll den Radfahrern gegenüber. Aus ihrer Sicht ist es auch verboten nebeneinander zu fahren, nicht sehr sympathisch. Persönlich fühle ich mich nicht unsicher, aber wir müssen aufpassen. Und es wird bei vielen Gelegenheiten getrunken…  

Hast Du Tipps, wo man in Frankreich mit dem Bike gut Urlaub machen kann?

Überall! *lacht* Es ist ein Land mit Bergen, Landschaften, die sich ständig ändern, sodass jeder einen Ort finden kann, wo es ihm gefällt. In den Pyrenäen, an der Cote d Azur… Die Gegend bei Puy de Dome, Etappenziel bei der Tour de France, ist auch sehr schön. Wobei man die Radstrecke heute nicht mehr befahren und nur zu Fuß besteigen darf. Christian Prudhomme wollte dort ein Etappenziel realisieren, doch es wurde abgelehnt.

Welchen Berg in Frankreich würdest du gern fahren?

Früher, als ich 14 Jahre alt war, bin ich ihn das erste mal mit einem alten, schweren Fahrrad hochgefahren. Mein Großvater hatte es nach dem Krieg gekauft. Und ein Jahr später bin ich von der anderen Seite hochgefahren, um zu trainieren. Die 2 Anstiege sind sehr interessant, wobei es für die Profis nicht so schwer ist, glaube ich. Der Galibier und andere sind viel schwerer.

Mein lieber Gerard, vielen Dank für das interessante Interview! Es war sehr nett, Dich persönlich kennenzulernen.

Schlussworte von Gerard Naudy

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