Thorsten  Gieseler Thorsten Gieseler

ABSCHIED VON MARCEL KITTEL AUS DEM PELOTON

ABSCHIED VON MARCEL KITTEL AUS DEM PELOTON


Marcel Kittel hat sich aus dem aktiven Radsport zurückgezogen, wie viele andere Spitzensportler zuvor auch und dennoch beschäftigt mich dieser Schritt von ihm in besonderer Weise. Als Sportler und neben dem Renngeschehen sahen wir nicht nur seine außergewöhnlichen Erfolge, sondern auch seine persönliche positive Präsenz im Peloton, sowie im Umgang mit den Fans, Zuschauern und den oftmals schwierigen Fragen der (deutschen) Medien, – immer freundlich und fair, auf die Menschen zugehend, offen und ohne Allüren.

Kaum ein anderer hat es wie er vermocht, geduldig und ruhig die manchmal unverschämten Fragen der Sportjournalisten zu beantworten. Ihm und Tony Martin haben wir es m.E. hauptsächlich zu verdanken, dass die Wahrnehmung des Radsports eine andere geworden ist – ein zartes Pflänzchen, das weiter gepflegt werden muss, um Vertrauen in, und das Verstehen dieser schönen, komplexen Sportart weiterhin zu fördern. An dieser Stelle freut es mich, dass er bereits in der Moderatorenrolle während der Deutschlandtour angekommen ist.



Wenn ich an die Radrennen mit ihm zurückdenke, am Fernseher oder als Fotograf und Zuschauer an der Strecke, kommt mir die unglaubliche physische Präsenz in den Sinn. Selbst aus 150m Höhe war die geballte, breitschultrige Kraft mitten im Feld gut auszumachen und im Sprint, neben den Konkurrenten einfach unglaublich. Bilder, die man gerne sieht und die sich in das/mein Radsportlerherz gebrannt haben.





Andre Greipel und Marcel Kittel im Ziel

Über einen vierten Platz oder die Top10 freue ich mich als Fan für einen Radsportler fast genauso, wie über einen Sieg. Vielleicht ist es die eigene Erfahrung als Amateur und aus dem früheren Leistungssport. Das Wissen, dass es einfach nicht immer gut laufen kann, die Tagesform nicht mitspielt, das Material, die Taktik oder das oftmals komplizierte Renngeschehen großen Einfluss nimmt. Und manchmal fehlt einfach etwas Glück in einer Sportart, die wie keine andere durch Schmerz und Leiden geprägt wird. Da bin ich sicher einer von wenigen, denn die breite Masse und Sponsoren interessieren sich nur für das Top-Ergebnis.



Bleibt der “Erfolg” aus, kommen Fragen wie “Was war da los?” , “Lief der Motor nicht rund?” , “Gibt es in der Mannschaft Probleme?” , “Stimmt ihre Einstellung nicht?” , “Gesundheitliche Probleme?” um ein paar Fragen aus dem reichhaltigen Portfolio mancher Sportjournalisten zu nennen. Fast so, als wäre bei der Wartung und Pflege der Maschine ein Fehler unterlaufen, vielleicht hat ja der Ingenieur die falschen Einspritzdüsen verwendet… Die Dopingfrage darf natürlich auch nicht fehlen.





Immer Zeit für die Fans

Leistungsport führt in gewisser Weise zu einer “Entmenschlichung”, begleitet von einem Mangel an Empathie und ich glaube, dass ist einer der wichtigsten Gründe, warum Spitzensportler (auch abseits des Radsports!) oft trotz guter Leistungen das Handtuch werfen. Oder schlimmer noch, in eine tiefe mentale Krise geraten oder gar die medikamentöse Leistungssteigerung in Anspruch nehmen. Kaum jemand vermag sich vorzustellen, wie intensiv die Trainingseinheiten sein können, der straffe Zeitplan, Ernährung usw. Viele Sportler berichten, dass sie eigentlich kein Privatleben mehr führen, “Profisportler eben…” Der wahrgenommene Druck von Team, Trainer, Sponsoren, Medien, Fans und den eigenen Ansprüchen kommt noch dazu und je länger das Süppchen des Sportlerlebens vor sich hinköchelt, desto “garer” der Athlet. Soweit ein paar Gedanken zum Leistungssport, ob es bei Marcel so war, vermag ich nicht zu beurteilen, aber einiges deutet darauf hin.





Marcel Kittel, Münsterland Giro 2016

Marcel schrieb am 09. Mai in einem Post auf Instagram:


“On my request Team Katusha-Alpecin and I mutually decided to an early termination of my current contract. It was for me a long decision process where I raised a lot of questions about now and where I want to go as a person and athlete and what is really important to me.”

Und veröffentlichte im August in einer Stellungnahme seinen Rücktritt als aktiver Radsportler
“Die große Frage der letzten Monate war für mich: Kann und will ich mich noch so für den Sport aufopfern, wie es für ein Weltklasse-Niveau nötig ist? Und meine Antwort heute ist: Nein, das will ich nicht mehr, weil ich die Einschränkungen als Spitzensportler auch immer mehr als Verlust an Lebensqualität empfand. Deshalb bin ich sehr froh und stolz darauf, dass ich an diesem Punkt in meinem Leben selbstbestimmt und meinem Herzen folgend eine neue Richtung einschlagen kann.”


Tief berührt mich bis heute auch der schwere Unfall von Kristina Vogel, eher noch die unglaublich positive Art und Weise wie sie mit ihrer Querschnittslähmung umgeht. Anders als Marcel Kittel wurde sie aus dem bisherigen Leben als Top-Sportlerin herausgerissen. So sagte sie in einem Interview, es ginge ihr gut, “Seit langer Zeit fühle ich mich wieder frei.” Wow! Ein Satz, der mich bis heute beschäftigt…





DM 2015, Bensheim

Was lernen wir daraus? Jeder mag seine eigen Schlüsse daraus ziehen, ich denke: Egal ob engagierter Sportler oder im Berufs- und gesellschaftlichen Zusammenleben: Der Mensch sollte im Vordergrund stehen. Bei allem Streben nach Höher-Schneller-Weiter wird das leider allzu oft vergessen. Besonders Trainer und Betreuer im Nachwuchsbereich sollten sich das bitte fett hinter die Ohren schreiben, damit die Freude am Sport nicht verlorengeht oder schlimmer noch, junge Nachwuchssportler schon früh ausbrennen und “verschleißen”. Und: Das Leben geht weiter, simple as it is…



Last but not least: Lieber Marcel, vielen Dank für die vielen schönen Radsportmomente und die, die mit Dir noch kommen werden. Für Deine Entscheidung zolle ich Dir den allergrößten Respekt und wünsche Dir und Deiner Familie für die Zukunft das Beste!

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